Orgasm Gap
"Was stimmt mit mir nicht?" Wie der ÖRR Frauen für ihr Unlustempfinden verantwortlich macht
„Was stimmt mit mir nicht?“ fragen sich Frauen, die es einfach nicht schaffen, im Bett mit ihrem Partner Schritt zu halten. Frauen, die heterosexuelle Beziehungen pflegen, kommen um ein Drittel weniger zum Orgasmus als Männer. Und dabei leben wir doch in aufgeklärten Zeiten! Oder etwa nicht? Frauen sollten doch wissen, dass mit ihnen in der Regel alles stimmt - aber möglicherweise nicht mit den zu niedrigen Erwartungen, die sie an ihre Partner stellen?
Im Jahr vor der drastischen Zunahme häuslicher Gewalt, insbesondere auch sexueller, durch die Covidpandemie war das Thema „Orgasm Gap: Die Ungerechtigkeit im Bett“ dem Bayrischen Rundfunk eine eigene Aufklärungssendung Wert.
Die Sendung richtet sich nicht etwa an Männer oder Paare, sondern an Frauen. Nun ermutigt die Sendung Frauen allerdings nicht, sexuelle Befriedigung mutig und selbstbewusst einzufordern. Sondern die unglaubliche Ansage des ÖRR an heterosexuelle Frauen lautet: macht einen Orgasmuskurs!
Wie diese Sendung Ausdruck eines antifeministischen Backlashs ist und diesen befördert, ist Gegenstand dieses Artikels.

„Orgasm Gap“ ist nicht von ungefähr der Name für das Phänomen, dass Frauen in heterosexuellen Beziehungen deutlich weniger Befriedigung erfahren als Männer. Angelehnt an den Ausdruck „Gender Pay Gap“, weckt er Assoziationen an Sexarbeit. „Pay Gap“ steht dafür, dass Frauen im Vergleich zu Männern geringer für ihre Erwerbsarbeit entlohnt werden. Analog verweist „Orgasm Gap“ darauf, dass Orgasmen eine Form der Bezahlung sind, der eine Form der Sexarbeit vorausgeht. In anderen Worten: im Ausdruck „Orgasm Gap“ steckt die Idee, dass Sex Arbeit ist. Der Slogan „sex work is work [Sexarbeit ist Arbeit]“ bzw. eine Dienstleistung, die ein Mensch wie jede andere Dienstleistung privat erbringen oder nach Bedarf auslagern kann, steht symptomatisch für diese Auffassung.
Während die professionelle „Sexarbeiterin“ mit Geld entlohnt wird, wird es die häusliche mal mit Orgasmen, mal mit einem entspannten Partner, mal mit finanzieller Sicherheit und mal mit einem gemähten Rasen. In einer Welt, in der Prostitution und gefilmte Prostitution als Care-Arbeit, ja gar als feministische Arbeit gelten, ist der Ausdruck „Orgasm Gap“ ein Konzept für die Unterbezahlung von „Sexarbeit“, die Frauen im Vergleich zu Männern leisten.
Wofür genau steht die unterschiedliche Orgasmusrate zwischen Männern und Frauen aber genau? Dass Frauen nicht genügend für ihre häusliche Anstrengung entlohnt werden? Oder dass sie sich sexuell möglicherweise nicht richtig bemühen und an der Misere ihrer Unterbezahlung selbst Schuld seien? Die Aufklärungssendung des ÖRR suggeriert vor allem letzteres.
50 Jahre nach der sexuellen Revolution sind Männer und Frauen immer noch nicht gleichberechtigt, auch nicht im Bett: Frauen kommen ein Drittel weniger häufig zum Orgasmus. Der Grund: Einerseits fordern Frauen ihren Orgasmus weniger ein, aber andererseits fehlt schlicht das Wissen. Abhilfe schafft: ein Orgasmus-Kurs.
Zugespitzt formuliert: Da die Frauen sexuell bereits befreit sind, tragen sie selbst Schuld daran, dass sie sich männlicher Sexualität auch ohne Lustgewinn unterwerfen. Das ist eine hanebüchene Fehlanalyse und zeigt, wie weit sich unsere Gesellschaft von feministischen Perspektiven entfernt hat. Nun versucht der Aufklärungsfilm keine feministische Analyse. Aber die Sendung wäre sowohl feministisch als auch hilfreich, wenn sie die Frage gestellt hätte, warum Frauen ihre Unlust buchstäblich „in Kauf nehmen“ und sich in verstörendem Ausmaß der Sexualität von Männern unterwerfen, für die die Befriedigung von Frauen eine untergeordnete Rolle spielt.
Stattdessen aber nimmt der ÖRR Frauen in die Pflicht, ihre „Gedanken kontrollieren zu lernen“. Lernt eure Alltagsprobleme weg zu atmen, macht Training mit dem Beckenboden, dann kommt ihr auch.

So treffen wir etwa Maria, Anfang 30, für die „der Sex mit ihrem Mann mehr Pflicht als Spaß“ ist. Die beiden haben ein Kind. Maria hat schon seit langer Zeit keine Freude mehr am Sex und performed ihn trotzdem. Maria leidet sehr darunter. „Es fällt ihr nicht leicht, das Thema in der Beziehung anzusprechen, deshalb weiß ihr Mann auch nicht, dass sie das Orgasmus-Seminar besucht.“ Es fällt ihr auch im Interview nicht leicht zu sprechen. Sie zieht es vor, im Video nicht erkannt zu werden. Im Seminar sucht sie nach einer besseren Verbindung zu ihrem Körper. Dass sie nach einer besseren Verbindung zu ihrem Mann suchen könnte, fällt ihr nicht ein. Sie sucht nicht nach einer Auseinandersetzung mit der Frage, warum sich ihr Mann nicht so sehr um ihr sexuelles Wohlbefinden kümmert, wie sie sich um seines.
Wenn ich einen leichteren Zugang dazu hätte, dann könnte ich den Sex viel mehr genießen, um in dem Moment, indem wir Sex haben auch da anzukommen, damit ich auch etwas davon habe.
Tantra-Masseurin Anna Mondry erklärt Maria, dass der G-Punkt „wachgeklingelt“ werden müsse. Sie nutzt Klitoris-Modelle und Silikon-Vulven, um zu erklären, wie das mit dem Wachklingeln funktioniert. Sie erklärt auch, dass traditionelle Rollenbilder und Drehbücher im Kopf hinterfragt werden müssten: Frauen machten alles dafür, dass er zum Orgasmus kommt. Nach der Dienstleistung sei es dann vorbei. Das führe zur Unlust von Frauen.
Hier ist der Punkt im Aufklärungsfilm des ÖRR, wo wir einer feministischen Perspektive auf Männersexualität gefährlich nahe kommen: Wenn Männer Sex als Dienstleistung und Care-Arbeit auffassen, ist das eine Epidemie sexueller Gewalt, die Frauen psychisch und oftmals auch physisch schadet. Aber sobald der Film sich dem Problem zuwendet, das männliche Sexualität für Frauen bedeutet, zielt er wie ferngesteuert gleich wieder an ihm vorbei.
„Wie kommen wir aus dem Schlammassel wieder raus?“ fragt die Frauenstimme aus dem Off. Mit Schlamassel sind pornographische Drehbücher in den Köpfen der Frauen gemeint, die sie innerlich für ihre Männer abdrehen.
Es folgt ein Schwenk in die Praxis von Sexualtherapeutin Gabriele Aigner. Diese erklärt:
Bei dieser Übersexualisierung und Überidealisierung ist es wirklich total schwer sein Eigenes zu finden und sich auch Zeit zu lassen. Männer wollen Frauen ja glücklich machen, und sie wissen aber nicht wie, weil: woher! Also ausm Porno können sie es ja im Normalfall nicht lernen. Und Nachfragen gibt ja auch wieder sone Blöße, von wegen ich weiß eigentlich gar nicht wie. ‘Wie hättest du es denn gerne’. Also da braucht’s echt Reden.
Die Botschaft des Aufklärungsfilms: Frauen sollen das Gespräch mit den Männern suchen und ihnen erklären, was sie brauchen. Denn diese können es ja wegen der Pornos nicht besser wissen, dass Frauen nicht tun wollen, was Frauen in Pornos tun.
Aber wie sollen Frauen das Gespräch mit ihren Partnern führen! Sollen sie ihnen etwa erklären, dass sie doch nicht sind wie die Sexarbeiterinnen, die sich für gefilmte sexuelle Gewaltexzesse benutzen lassen, Filme, die viele Männer täglich - durchschnittlich sind es 70 Minuten pro Woche - konsumieren? Oder sollen sie es so erklären, dass sie nicht anders sind als die Frauen, deren Objektifizierung ihren Männern täglich gleichgültig ist? Sollen sie ihnen erklären, dass Frauen, die für Männer performen, das grundsätzlich zum Preis ihrer seelischen und körperlichen Gesundheit tun? Sollen sie ihnen erklären, dass diese Frauen nicht glücklich sind, wenn sie wie Objekte behandelt werden? Auch nicht für Geld? Sollen sie ihnen erklären, dass man gesunde Sexualität nicht kaufen kann? Sollen sie ihnen erklären, dass die gefilmten Frauen genau wie sie selbst sozialisiert wurden, nämlich als Frauen, die für Männer performen? Sollen sie ihren Männern erklären, dass eine befriedigende Frauensexualität nichts mit der Sexualität zu tun hat, die Männer täglich konsumieren? Sollen sie ihnen erklären, dass diese Männer den Frauen schaden, von deren gefilmten Vergewaltigungen sie abhängig sind?
Wenn ja, warum klärt der Film hierüber nicht auf?
Dieser Aufklärungsfilm stellt keine dieser Fragen. Er verharrt in der Aufforderung, Männer aus der Pflicht zu nehmen, da Männer es nicht besser wüssten.
Kein Wunder, dass es Maria nicht gelingt, das Gespräch mit ihrem Mann zu suchen. Als der Film endet, gibt es keine Hoffnung für sie. Denn er endet genau dort, wo er die feministische Analyse suchen müsste.
Der Film ist Ausdruck einer Gesellschaft, die keinen Begriff mehr dafür hat, was gesunde und was ausbeuterische Sexualität ist. Er muss sich deshalb der Erkenntnis verweigern, dass „Sexarbeit“ niemals eine Arbeit ist wie jede andere, sondern sexuelle (Selbst-)Ausbeutung. Weil sexuelle (Selbst-)Ausbeutung als Dienstleistung in Ordnung ist, kann Selbstausbeutung im Privaten auch nicht als solche erkannt und benannt werden.
Wenn der Aufklärungsfilm auf die ungleiche sexuelle Befriedigung der Frauen verweist und gleichzeitig erklärt, dass die sexuelle Befreiung vor 50 Jahren statt gefunden habe, Frauen sowie Männer heute also ‘anders’ seien als damals, ist das eine männerorientierte Perspektive. Sie erinnert an die Misogynie der Flower-Power-Zeiten, die Andrea Dworkin in Right-Wing Women thematisiert und die auch Janice Raymond in Doublethink diskutiert.
Die damals jungen Frauen hatten, so Dworkin, die neuen Flower-Power-Männer idealisiert, weil sie an Frieden und Freiheit glaubten. Sexuelle Befreiung, auch sexueller Radikalismus genannt, galt als ein Gegengift gegen einschränkende Lebensentwürfe, denen Frauen der älteren Generationen unterworfen waren. Es waren die Lebensentwürfe von traditioneller Häuslichkeit, die die Mädchen ablehnten. Und trotz ihres Freiheitsdrangs hätten sich die Mädchen genau wie ihre Mütter zu einer Art von Sexualität gezwungen gesehen, die sich nach den Bedürfnissen von Männern richtete. Nur standen sie zudem unter Druck, sich den Männern enthusiastisch hinzugeben, auch dann, wenn sie selbst keinen Sex wollten.
Für die Mädchen war „eine weniger ausgeprägte Polarität der Geschlechterrollen“ besonders anziehend, „die die Mädchen selbst dann noch für diese jungen Männer begeisterte, als der Sex mit ihnen erwies, dass die Jungs in der Tat Männer waren wie alle anderen auch. […] Im Grundsatz träumten die Mädchen von einer sexuellen und sozialen Empathie, die die Verengungen der Geschlechterkonformität aufhob; sie träumten den Traum von sexueller Gleichheit“ (Dworkin, Right Wing Women, meine Übersetzung).
Raymond erklärt, dass der Versuch die Grenzen zwischen den Geschlechterrollen durch einen sexuellen Radikalismus zu überwinden, nur zu einer Illusion der sexuellen Befreiung der Frauen führte. Tatsächlich ergab sich eine für Frauen rückwärts gerichtete Entwicklung: ein feministischer Backlash, der sich heute zunehmend intensiviert.
Wie sollen Frauen heute für ihre Befreiung sorgen, wenn mit ihren gefilmten Körpern inzwischen pro Tag 12,6 Millionen Euro allein im Internet umgesetzt werden? Wenn nach Schätzung des Statistischen Bundesamts der Jahresumsatz mit Prostitution auf 14,6 Milliarden Euro beziffert wird? Wie sollen Frauen heute für ihre sexuelle Befreiung sorgen, in einer Gesellschaft, in der eine Auffassung von Feminismus als faschistisch gilt, der die Bedürfnisse von Frauen mit weiblichen Körpern zentriert?
Bereits damals sahen Frauen sich der Erwartung ausgesetzt, sexuell verfügbarer zu sein für Männer, verfügbarer als je zuvor, während Männer sexuell zunehmend aggressiver und dominanter wurden. Die so genannte sexuelle Befreiung sorgte dafür, dass Frauen von Männern noch besser benutzt werden konnten. Für Frauen fielen Rückzugsmöglichkeiten durch bürgerliche Verhaltensnormen zunehmend weg. Heute sind diese Verhaltensnormen so gut wie abgeschafft, während juristische und physische Rückzugs- und Schutzräume für Frauen bedroht sind. Sexualität ist auf eine Weise entgrenzt, dass auch Gewaltsex als „normales“ bzw. „gesundes“ Bedürfnis nach Sex gilt, während „Kinkshaming“ gesellschaftlich verurteilt wird. Männer haben ein institutionalisiertes Recht auf Frauen, die „Carearbeit“ per Gangbang performen, solange Männer für dieses Recht zahlen. Das Recht der Männer, Frauen gegen Entlohnung beim Sex zu würgen, gilt als Selbstbestimmung der Frauen.
Die Angst der Frauen schwanger zu werden, so Raymond, war zur Zeit des sexuellen Radikalismus allerdings ein bedeutendes Hindernis für alle, die in den sechziger und siebziger Jahren einsetzende pornographische Idealisierung und Entgrenzung des „Fickens“ zelebrieren wollten. Mit der Angst vor Schwangerschaft konnte der grenzenlose Sex einhegt werden. Diese Angst gab Frauen einen guten Grund an die Hand, mit dem sie unerwünschten Sex ablehnen konnten. Aber Männer wussten, dass Frauen ein Recht auf Abtreibung forderten, nicht zuletzt, weil sie sich für Männer verfügbar zu halten hatten. Das Bedürfnis nach grenzenlosem und entgrenztem Sex war ein Grund für die ‘neuen’ Männer, sich ein feministisches Anliegen zu eigen zu machen, weil es ihren eigenen sexuellen Bedürfnissen dienlich war.
Der sexuelle Radikalismus der Sechziger und Siebziger ist inzwischen Geschichte. Die damals vertretene Haltung aber, dass Sex auf Verlangen zu haben sein müsse, findet ihren Nachhall heute in einer wesentlich bedrohlicheren Anspruchshaltung von Männern Frauen gegenüber. Inzwischen gibt es eine ausgesprochen misogyne Incel-Bewegung (von engl. ‘involuntary celibate’, unfreiwillig zölibatär). Incels überzeugen andere Incels, dass übergriffiges Verhalten Frauen gegenüber in Ordnung ist, wenn diese Sex ablehnen. Auch einflussreiche Teile der Transgenderbewegung sind davon getragen, ein Recht auf Sex mit Frauen einzufordern, und es zum Hassverbrechen zu erklären, wenn Lesben Personen mit biologisch (somatisch) männlicher Sexualität ablehnen (vgl. auch meine Analyse des Tatorts „Schattenleben“). Es ist zum Hassverbrechen geworden, wenn Frauen sich darüber austauschen.
Frauen und Mädchen wird in den sozialen Medien und selbst im öffentlichen Rundfunk eingeredet, dass nicht männliche Sexualität das Problem ist, sondern der mangelnde Wille einer Frau, die eigene Unlust zu überwinden. So lange das so ist, leben wir in einer Welt, in der das NEIN von Frauen problematischer männlicher Sexualität nichts entgegen zu setzen weiß.
Wir leben in einer Welt, die Frauen objektifiziert und ausbeutet. Wir leben in einer Welt, in der Frauen sowohl im Privaten wie im Öffentlichen das Problem männlicher Sexualität nicht mehr ansprechen sollen. Wir leben in einer Welt, in der Frauen ihre Gedanken kontrollieren und männliche Sexualität wegatmen sollen.
© Sister Eco, 23. Juni 2022

Das ist eine traumhafte Analyse - danke dafür und stimme komplett zu!